Von Mensch zu Mensch – altes Eisen schult junge Designer

„Am Anfang war ich ein wenig skeptisch, wie das mit uns Alten und den jungen Leuten funktioniert. Aber ich bin positiv überrascht: So herzlich und respektvoll wie das abläuft – das beeindruckt mich. Und das Strahlen der Studenten, wenn wir Ihnen etwas Neues zeigen können. Oder besser gesagt, wenn wir Ihnen die alten handwerklichen Techniken zeigen, die gerade bei kleineren Stückzahlen gut einzusetzen sind.“ so Elmar Schuster, Jahrgang 1936 und Teilnehmer des „Pforzheim Revisited“ Projektes. Elmar Schuster hat 1950 – 53 eine Lehre als Schmuckpräger gemacht. Ein Beruf den es so nicht mehr gibt.
Er ist einer der teilnehmenden „Jungs“, wie mir Fabian Jäger, mein Interviewpartner und „Jungoldie“ im Projekt berichtet.

Das dazu übergeordnete Projekt „Manufakturelle Schmuckgestaltung“ hatte seinen Ursprung in Berlin, am technischen Museum. Die Stiftung Deutsches Technikmuseum setzt sich schon seit Jahrzehtnen für die Erhaltung von Erfahrung und Wissen ein, welches sonst mit pensionierten Schmuckarbeitern auszusterben droht. Mit diesem Ziel wurde, unter anderem, 2008 das Projekt „Pforzheim Revisited“ ins Leben gerufen.

„Die Oldies“ der Arbeitsgruppe sollen den angehenden Designern der FH Pforzheim, die daran interessiert sind sich in manufakturellen Techniken weiterzubilden, zeigen wie die Maschinen von damals funktionieren, und welche Schmuckbearbeitung damit möglich ist. Anders als an modernen CAD-Maschinen, welche man programmieren muss und die Schmuckproduktion dann per Knopfdruck startet, lautet eine Arbeitsanweisung aus alten Zeiten ungefähr so: „Als erstes wird der Pfaff an dem Bären des Fallhammers und das Gesenk mit den Spannbacken auf dem Fallhammer-Amboss befestigt.“
Im technischen Museum in Berlin gibt einen Maschinenpark, der gleichzeitig auch als Lehrpark eingesetzt wird. Die Designer dürfen den Maschinen „Neues entlocken“. Sie probieren neue Materialien aus, prüfen inwieweit Sie Ihre aktuelle Arbeit erleichtern oder einzigartig machen können. So arbeitet Frieda Dörfer seit dem Projekt, jetzt als selbstständige Schmuckgestalterin im EMMA-Kreativzentrum Pforzheim, seither mit der Technik des Guillochierens (sie hat geradezu eine Liebeserklärung an das Guillochieren auf Ihrer eigenen Homepage verfasst http://frieda-doerfer.de/guillochieren/).

Mit Fabian Jäger habe ich noch etwas mehr über die Weitergabe von „Erfahrungswissen“ unterhalten., wir sind uns einig: Du kannst fast alles lernen, aus Büchern zum Beispiel, aber wichtig ist die Anwendung, das Üben. Schließlich lernt man mit allen Sinnen. Als Erfahrener hörst du zum Beispiel schon am Schleif-TON, ob das Gerät richtig geführt wird und eine Korrektur nötig ist. Als Azubi brauchst du zunächst mal Informationen und sammelst dann deine eigenen Erfahrungen (blaue Daumen zum Beispiel).
Fabian Jäger begeistert am meisten am Projekt, dass Handwerkstechniken, die sonst nicht mehr unterrichtet werden, sonst wegfallen würden. „Das Ursprungswissen ist wertvoll für die Arbeit, die Zusammenhänge zu verstehen oder wenn der Strom ausfällt zu wissen, wie ich ein Werkstück trotzdem hinbekomme würde.“ Und weil diese Idee so wertvoll ist, wird sie auch von einem Schmuckunternehmen aus Pforzheim mitgesponsort.

Wenn Sie noch mehr erfahren wollen: das Buch „Prägen, Stanzen, Guillochieren – die zeitgenössische Schmuckmanufaktur, von Frieda Dörfer und Prof. Andreas Gut, ist erschienen im Arnoldsche Verlag.

Jaja, die Alten. Sie sind oft im Weg, stehlen uns unsere wertvolle Zeit und wenn sie dann in Rente sind, vielleicht auch noch krank, dann schlummert oft genug Ihr Erfahrungswissen vor dem Fernseher oder mündet in Kreuzworträtseln.

Ich hoffe, dass Sie dieses Beispiel animiert, entweder selbst etwas ins Leben zu rufen oder bisherige Projekte weiterzuführen. Wenn Sie Ideen haben, senden Sie mir diese gerne zu und ich veröffentliche Sie an dieser Stelle.
Wussten Sie eigentlich, dass gute Projekte in das Register der Deutschen UNESCO-Kommission  mit „Gutes Praxisbeispiel zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen werden können?

Herzlichen Dank Fabian für den Einblick in dieses interessante Projekt und das Interview!

Ihre Sandra Plazibat

 

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